Intersections unter Muslimen

Gastautorin Sakine Subasi-Piltz

Gastautorin Sakine Subasi-Piltz

Ein Gastkommentar von Sakine Subasi-Piltz

Vor etwa einem Jahr hat sich der Verein der liberalen Muslime, Liberal-Islamischer Bund e.V., mit Lamya Kaddor an seiner Spitze gegründet. Öffentlichkeitswirksam hat die Vorsitzende verkündet, dass sie für die „schweigende Mehrheit der Muslime eine Stimme geben möchte, die keine fundamentalistischen Positionen vertreten, sondern das Motto: „Leben und leben lassen“.
Erst mal eine gute Idee, wie viele Muslime fanden. Wenn da nicht einige Stolpersteine gewesen wären, die letztlich die guten Vorsätze vorerst zum Scheitern brachten. So gibt es seit der Gründung viele Diskussionen, die vorwiegend im sozialen Netzwerk Facebook und auf verschiedenen Blogs stattfanden. Die Diskussionen bei Facebook drehen sich mittlerweile im Kreis, auch weil sich die Vorsitzende in diesem Fall nicht äußert und andere Mitglieder des LIB in den Kritiken sich lediglich persönlich gekränkt fühlen. Dabei wollen sie mit ihrem Verein laut ihrer Homepage sogar eine „innerislamische Diskussion“ anstoßen, die ihnen jetzt aber nicht zu passen scheint. Seit dem Artikel von Lamya Kaddor in der Süddeutschen Zeitung am 8. August, in der sie ihre KritikerInnen unter anderem als „Konservative“ bezeichnet und als Bedrohlich darstellt, ist die Debatte über den Verein nun auch in der Öffentlichkeit angekommen. Zum Artikel in der Süddeutschen Zeitung von Lamya Kaddor und auf einen darauf folgenden in der Welt am 20. August über sie, hagelt es fortan Kritik. Die Kritiken sind sehr vielseitig und verschiedenen Interessen geschuldet. Die wichtigsten Bedenken, die viele kritische Stimmen einen dürfte, ist die Frage, wo bei all der medienwirksamen Öffentlichkeit die Vertretung der vermeintlich „Schweigenden Mehrheit“ bleibt. Selbstkritik scheint nicht zu existieren.

Kritikpunkte

Eine der Hauptkritik an diesem Verein ist, dass er sich nur in negativer Abgrenzung und durch das Bedienen von Vorurteilen zu anderen islamischen Verbänden und der Mehrheit der Muslime, den sie aber dennoch vertreten wollen, profiliert. So ist es auch nicht erlaubt, in diesem Verein Mitglied zu werden, wenn man gleichzeitig Mitglied in einem anderen islamischen Verband ist. Insgesamt weckt der Verein auch mit den Formulierungen der Vorsitzenden den Anschein, dass alle Muslime, die nicht bei ihr organisiert sind, nicht liberal, offen und tolerant wären und eröffnet der Islamophobie Tor und Türen. Schließlich gibt Lamya Kaddor als Vorsitzende des Vereins in ihren Texten auch vermeintlich klare theologische Vorgaben, mit denen viele Muslime auch nicht ohne weiteres einverstanden sind. So erklärt sie u.a., dass das Kopftuch heute „obsolet“ sei. Jedoch stößt auch diese theologische Abgrenzung nicht per se auf Kritik. Muslimische Vielfalt ist kein neues Phänomen in der islamischen Geschichte und auch heute tun sich Muslime in Deutschland nicht schwer damit, verschiedene muslimische Auslegungen nebeneinander stehen zu lassen. Vielmehr sind viele an einem Austausch über Glaubensinhalte und theologische Prämissen interessiert, aber sie wollen die Trennung zwischen Politik und Glaube beibehalten.

Die Anzahl der Mitglieder liegt, laut einem Welt-Artikel bei unter 100. Offensichtlich soll es auch nicht-muslimische Mitglieder im Verein geben, was umso erstaunlicher ist, da nicht einmal alle interessierten Muslime Mitglied werden können. Die Mitgliederzahlen reichen also noch lange nicht, um als AnsprechpartnerInnen des Staates eine gewichtige Rolle in der Gestaltung des Islamunterrichts oder anderen muslimischen Belangen zu spielen und im Namen einer Mehrheit der Muslime zu sprechen.

Durch die gesamte Aufmachung mit dem labeling „liberal“ wird schließlich ein problematisches Bild hergestellt. Denn für nicht-muslimische Ohren mag die Kennzeichnung liberal vor dem Begriff Islam wohlklingend sein, liegt aber genau hierin das Problem. Denn die Selbstbezeichnung als „liberal“ mit der gleichzeitigen zum Teil Ausgrenzung vieler Muslime, suggeriert der Verein, dass allein sie einen freiheitlichen Islam praktizierten, was der Grund einiger KritikerInnen ist, nicht in diesen Verein einzutreten.

 

Die Falle der „BerufsmigrantInnen“

Bei Facebook wird die Kritik von den Mitgliedern unterdessen auch als eine Schlammschlacht dargestellt. Könnte das wirklich sein? Nein, vielleicht mag die eine oder andere persönliche Animosität mit hinein spielen, aber die sollen hier keine Rolle spielen. Es ist auch zu einfach zu unterstellen, Kaddor versuche sich selbst auf Kosten der Mehrheit der Muslime zu profilieren. Vielmehr tappt sie, und das ist meine Vermutung, in die gleiche Falle herein, wie zuvor Publizistin Necla Kelek, die Rechtsanwältin Seyran Ates und andere sogenannte „Berufsmuslime“, „Berufstürken“ und „BerufsmigrantInnen“, die sich gesellschaftspolitisch engagieren und sich insbesondere für MigrantInnen und oder Muslime einsetzen wollen, aber den Spagat zwischen Herrschafts- und Minderheitendiskurs nicht hinbekommen. Deswegen richtet sich die Kritik nicht nur gegen den LIB e.V., sondern auch gegen staatliche Institutionen und den Medienmainstream, der Vorurteile gegen Muslime offensichtlich fördert. Zu groß ist nämlich nicht nur die Kluft zwischen vielen Muslimen und dem LIB e.V., sondern auch zwischen Muslimen und dem deutschen Staat, der offensichtlich nur Muslime anzuerkennen in der Lage ist, die Vorurteile bedienen können. So ist es nicht von ungefähr, dass die Karrieren der genannten Personen erst ab dem Zeitpunkt steil bergauf gehen, an dem sie beginnen, Vorurteile zu bedienen. Als BerufsmigrantInnen stehen sie schließlich für die „Sachlichkeit“ vorurteilsbehafteter Argumente und verleihen ihnen allein durch ihre ZeugInnenschaft einen Wahrheitsgehalt.

 

Governance-Feminismus, Governance-Islam

Dieses Phönomen, ist in etwas abweichender Form unter dem Begriff des Governance-Feminismus bereits bekannt, wonach der „von führenden weiblichen Immigrantenvertretern kommende Aufruf zur Bekämpfung der Geschlechterungleichheit in muslimischen Gemeinschaften die Untertöne einer rassistischen Stigmatisierung trägt“.(Yurdakul, 2011) Lamya Kaddor unterscheidet sich von dieser Definition dadurch, dass sie versucht im Gegensatz zu Necla Kelek beispielsweise, die jegliche Probleme unter Muslimen auf den Koran zurück führt, eine islamophile Alternative anzubieten. Sie stellt sich auch in der Öffentlichkeit als „gläubige Muslimin“ dar. Ebenso ist auch ihre Empörung gegenüber Islamophobie glaubwürdig, wenn sich auch ihr Kopftuch-Artikel² (s.u.) geradezu wie ein Gutachten für weitere islamophobe und frauenfeindliche Kopftuchverbote liest³. Für sie steht nicht der Feminismus, sondern der Islam an erster Stelle, den sie offensichtlich in den Herrschaftsdiskurs in Deutschland integrieren möchte. Dies ist wie Patrick Bahners am 20.8. in der FAZ bereits dargestellt hat, offensichtlich auch ein Anliegen des deutschen Staates, der einen Staatsislam kreieren möchte, um die Muslime in Deutschland besser kontrollieren zu können. Lamya Kaddors Interesse trifft an diesem Punkt mit dem Interesse des Staates zusammen. Deswegen entwickelt sie nach den Wünschen des Deutschen Staates ihren eigenen Islam, der neben der Ablehnung des Kopftuchs, insbesondere auch das Sunnitentum abschafft, womit sie fast 90% der Muslime aus dem Diskurs auszuschließen bereit ist: „Wenn man bereit ist, sich angesichts der Herausforderungen der Gegenwart von den sunnitisch-orthddoxen Dogmen zu befreien, die diesen Ijtihad untersagen, und den Koran im Wortlaut als ewig gültig verstehen wollen, dann gibt es gute Gründe, zuversichtlich zu sein.“ (s.u.) Schließlich etabliert sie einen bildungselitären Diskurs über und zu der Glaubensgruppe der Muslime und wirft ihnen vor, sie wüssten beispielsweise nicht, was im Koran steht und oder interpretierten ihn falsch. So wüssten auch viele Frauen nicht, warum sie gar ein Kopftuch tragen. Ihre KritikerInnen bezeichnet sie als „konservative“ Muslime, die „einem diffusen, von theologischem Halbwissen gezeichneten Bild von Religion [folgen], das sich vorwiegend auf die Vorstellungen der eigenen Familien gründet und an die Traditionen aus deren Herkunftsländern anknüpft.“ oder als „Salafisten mit Backenbart, langem Gewand und Häckelkäppi“.

Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Kritik lässt sich Kaddor entgehen. Stattdessen wird die Kluft zwischen der Mehrheit der Muslime in Deutschland und Lamya Kaddor immer größer. Jedoch würde die Auseinandersetzung dem LIB guttun und würde vielleicht sogar die Kluft möglicherweise wieder aufheben. Denn wäre der LIB von Beginn an eine rein politische Organisation gewesen, die sich nicht ablehnend von der Mehrheit der in Deutschland lebenden Muslime abgrenzt oder gar versucht eine Art neue Konfession angelehnt an die persönlichen Vorlieben der Vereinsmitglieder zu gründen, ist anzunehmen, dass viele der KritikerInnen schon längst Mitglieder in ihm wären. Denn im Gegensatz zu einer Politisierung des Glaubens und der Stigmatisierung von Muslimen, wünschen sich viele Muslime, und das wird auch deutlich in den Facebook-Diskussionen, eine angemessene und gemeinsame politische Vertretung in Deutschland, die auf Konsens unter Muslimen gründet und (theologische)Unterschiede akzeptiert. Doch bis dahin scheint es noch ein weiter Weg zu sein.

²- Vgl. Kaddor, L.: Warum das islamische Kopftuch obsolet geworden ist. Eine theologische Untersuchung anhand einschlägiger Quellen. In: Schneiders, G. T. (Hg.): Islamverherrlichung. Wenn die Kritik zum Tabu wird. 2010, S. 153)
³. Vgl. auch die Studie von Human Rights Watch „Diskriminierung im Namen der Neutralität“ zu Kopftuchverboten, die den diskrimierenden Gehalt dieser untersucht haben.
4. A.a.O. S.153. Außerdem kann man auf der Homepage nachlesen, dass Ijtihad zu den Grundsätzen gehört, wobei ich hier nicht per se das Ijtihad kritisiere, sondern die theologische Vorgabe einer bestimmten Richtung, der sich viele nicht anschließen werden. Vgl. auch: http://islamische-zeitung.de/?id=14999


Sakine Subaşı-Piltz Doktorandin an der Goethe Universität Frankfurt am Main. Sie hat Erziehungswissenschaft, Philosophie, Germanistik und Ethnologie studiert. Seit 2006 arbeitet sie zu Migration, Interkulturelle Bildung und Islam in Deutschland und Frankreich. In ihrer Dissertation untersucht sie “Feministische Selbstkonzepte von türkeistämmigen, muslimischen Frauen in Deutschland und Frankreich im Generationenverlauf”.


5 comments

  1. Leider sagt Frau Subasi-Pütz nicht die ganze Wahrheit. Sie hat gleich zur Gründung des LIB angefangen, beispielsweise Rabeya Müller mit Necla Kelek zu vergleichen. Ihr Hass auf den LIB entzündete sich wahrscheinlich an der Frage der “Homoehe”, die von den Medien als Schlagwort in den Raum geworfen wurde, und zu dem sich der LIB natürlich positiv verhalten hat.

  2. Traurig, dass diese Schlammschlacht zwischen “liberal” und “konservativ” schon so weite Kreise gezogen hat und auch hier nicht halt macht. Diese ganze substanzlose Metadiskussion nervt einfach nur noch. Trotzdem kann man die Vorwürfe nicht einfach so stehen lassen. Als Außenstehender, der sowohl eine liberale als auch konservative Ader hat, erlaube ich mir die am LIB angebrachten Kritikpunkte zu kommentieren. Ich gehe im folgenden kurz auf die Punkte ein:

    1) Die Autorin behauptet, die LIB-Vorsitzende hätte “Konservative” als bedrohlich dargestellt. Abgesehen davon, dass meine konservative Ader nirgends irgendwelche Drohszenarien entdecken konnte, stellt Piltz den liberalen Islam als problematisch hin, Zitat: “Durch die gesamte Aufmachung mit dem labeling „liberal“ wird schließlich ein problematisches Bild hergestellt.” Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es sich hier nur um eine Retourkutsche handelt. Inhaltsleer ist der “Kritikpunkt” jedenfalls allemal.

    2) Der Vorwurf der negativen Abgrenzung ist nicht haltbar. Wenn man auf die Webpräsenz des LIB geht, findet man nur positive Abgrenzungen in Form von Definitionen, wie der LIB den Begriff “liberal” versteht.

    3) Der Vorwurf, alle Muslime, die nicht im LIB organisiert sind seien nicht liberal, offen und tolerant entbehrt jeder Grundlage. Meine liberale Ader hat sich zu keinem Zeitpunkt genötigt gesehen, dem Verein beitreten zu müssen.

    4) Kaddor behauptet nicht, dass das KT heutzutage prinzipiell obsolet sei, sondern sie bezieht das auf sich selbst und ihre persönliche Lebenssituation. Sie sagt explizit, dass das in anderen Ländern/Situationen durchaus anders sein kann.

    5) Immer wieder hört man diffuse Kritik an der niedrigen Anzahl der Mitglieder des LIB und die arrogante Feststellung, dass ein so kleiner Verein nicht befugt sein kann, (auch) als Ansprechpartner staatlicher Organe fungieren zu können. Tatsächlich sind die Mitgliederzahlen nicht mit den Mitgliederzahlen der traditionellen islamischen Vereine vergleichbar. Bei den ca. 100 Mitgliedern des LIB handelt sich überwiegend um “Berufsmuslime”, d.h. solche, für die ihre Religion einen wichtigen Teil ihres Berufs ausmachen. Damit sind sie eher vergleichbar mit bundesweiten Funktionären anderer Vereine. Mich würde es wundern, wenn Vereine wie VIKZ und IGMG signifikant mehr derartige Funktionäre hätten.

    6) Das Zitat “Sie [Kaddor] stellt sich auch in der Öffentlichkeit als „gläubige Muslimin“ dar.” suggeriert, dass die Autorin Kaddor die Gläubigkeit absprechen will. Damit macht sie das, wofür die extremistischen Takfiris bekannt sind, nur subtiler. Schöner macht es das jedoch trotzdem nicht.

    7) Piltz behauptet, der LIB würde dem Staat nach dem Mund reden (Zitat: “Lamya Kaddors Interesse trifft […] mit dem Interesse des Staates zusammen. Deswegen entwickelt sie nach den Wünschen des Deutschen Staates ihren eigenen Islam”). Dieser unglaubliche Vorwurf impliziert, die LIB-Mitglieder würden nicht ihre wirkliche persönliche/theologische Auffassung wiedergeben. Das geht schon in die Nähe des berüchtigten Taqiyyah-Vorwurfs der Islamhasserszene.

    8) Die Autorin behauptet, Kaddor würde mit ihrer Kopftuchinterpretation 90% der Muslime (d.h. alle Sunniten) aus dem Diskur ausschließen (Zitat: “der neben der Ablehnung des Kopftuchs, insbesondere auch das Sunnitentum abschafft, womit sie fast 90% der Muslime aus dem Diskurs auszuschließen bereit ist”). Damit will sie behaupten, dass alle sunnitischen Musliminnen KT tragen würden. Tatsächlich trägt aber nur eine Minderheit tatsächlich das KT. In Indonesien, dem bevölkerungsreichsten muslimischen Land, tragen es z.B. schätzungsweise nur 15-20% (obwohl das dort regional sehr unterschiedlich ist).

    9) Piltz wirft Kaddor vor, die “schweigende Mehrheit der Muslime” zu vereinnahmen. Allerdings macht sie es dann selbst genauso, Zitat: “Stattdessen wird die Kluft zwischen der Mehrheit der Muslime in Deutschland und Lamya Kaddor immer größer.” Woher will sie wissen, was die Mehrheit der Muslime denkt? Sie kann es nicht, und deswegen ist diese Aussage auch unlauter.

    Mein Fazit zu dem Artikel kann daher nur lauten: ich bin entsetzt.

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